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Das Spiel der Aktiengesellschaft

Wer im Umfeld von Unternehmerinnen und Unternehmern zuhört, stösst unweigerlich auf den Ausdruck, man müsse das Spiel der Aktiengesellschaft sauber spielen. Gemeint ist damit eine Mischung aus juristischen Pflichten, formalen Abläufen und wirtschaftlichen Mechanismen, die im Konstrukt der Aktiengesellschaft fest verankert sind. Der Begriff Spiel ist dabei weniger im Sinne von Belustigung gemeint, sondern beschreibt die Notwendigkeit, bestimmte Regeln einzuhalten, um Akzeptanz bei Investoren, Behörden und Geschäftspartnern zu sichern. Gerade im Schweizer Startup-Ökosystem hat dieser Ausdruck Gewicht, weil die Aktiengesellschaft für junge Unternehmen das gängige Vehikel ist, um Kapital aufzunehmen und Wachstum zu ermöglichen.


Struktur und Rahmenbedingungen

Die Schweizer Aktiengesellschaft ist eine Rechtsform, die auf einem klar strukturierten Regelwerk basiert. Sie setzt ein bestimmtes Grundkapital voraus, kennt Organe wie Generalversammlung, Verwaltungsrat und Revisionsstelle und verlangt ein Mindestmass an Formalität. Dieses Gerüst wirkt auf Gründerinnen und Gründer, die aus der Dynamik kleiner Teams und schneller Entscheidungen kommen, manchmal sperrig. Doch genau diese Struktur schafft den Rahmen, innerhalb dessen Vertrauen entsteht. Wer von aussen Kapital einbringt, verlangt Sicherheit darüber, dass Spielregeln gelten und durchgesetzt werden. Die Aussage, man müsse das Spiel sauber spielen, verweist also direkt auf die Erwartung, dass diese Regeln nicht nur auf dem Papier stehen, sondern im Alltag eines Unternehmens beachtet werden.


Formalitäten im Alltag

Das Spiel der Aktiengesellschaft zeigt sich besonders in der Art, wie Entscheidungsprozesse dokumentiert und umgesetzt werden. Beschlüsse des Verwaltungsrats müssen protokolliert sein, Kapitalerhöhungen folgen einem strikten formellen Ablauf, Statutenänderungen bedürfen einer notariellen Beurkundung. Für viele Gründer ist dies eine Umstellung, weil das spontane Handschlaggeschäft oder die mündliche Zusage aus der frühen Phase nicht mehr genügt. Das Spiel verlangt schriftliche Nachweise, Sitzungsprotokolle, offizielle Publikationen und eine saubere Trennung zwischen persönlichem und unternehmerischem Handeln. Die Spielregeln sind so ausgelegt, dass Transparenz entsteht und spätere Streitigkeiten oder Unsicherheiten minimiert werden.


Aktionäre und Entscheidungsprozesse

Ein zentrales Element dieses Spiels ist die Beziehung zu den Aktionären. In der Aktiengesellschaft sind sie nicht nur Kapitalgeber, sondern formal die oberste Instanz. Sie wählen den Verwaltungsrat und genehmigen die Jahresrechnung. In der Praxis bedeutet dies, dass Gründerinnen und Gründer lernen müssen, nicht mehr alleinige Entscheidungsträger zu sein. Sie bewegen sich in einem System, in dem Interessen abgewogen, Mehrheiten gesucht und Beschlüsse im rechtlich vorgesehenen Rahmen gefällt werden. Wer das Spiel beherrscht, versteht es, die Kommunikation mit den Aktionären zu pflegen und den Verwaltungsrat als strategisches Organ einzusetzen, nicht als lästige Pflicht.


Behörden und Reputation

Das Spiel der Aktiengesellschaft umfasst zudem das Einhalten von Pflichten gegenüber Behörden und Institutionen. Jahresabschlüsse müssen fristgerecht erstellt werden, Steuererklärungen eingereicht, Sozialversicherungsbeiträge abgeführt. In einem internationalen Vergleich gilt die Schweiz als eher formalistisch, aber verlässlich. Der Handelsregistereintrag hat hohe Bedeutung, und Änderungen bei Organen oder Kapital werden zeitnah publiziert. Für ein Startup mit Expansionsplänen ist das nicht nur Bürokratie, sondern auch Teil der Reputation. Internationale Investoren achten darauf, dass die Gesellschaften nach den Vorgaben geführt wird. Die Bereitschaft, diese Formalitäten einzuhalten, signalisiert Professionalität.


Von der Garage zur Institution

In Gesprächen im Startup-Ökosystem wird der Ausdruck Spiel oft mit einer gewissen Ironie verwendet. Viele Gründer empfinden die juristischen Anforderungen als Hürde, die im Kontrast zur Geschwindigkeit und Kreativität der frühen Gründungsphase steht. Doch genau diese Hürde ist Teil des Spiels. Wer sie meistert, zeigt, dass das Unternehmen aus der informellen Garage in den institutionellen Markt eingetreten ist. Für Investoren ist dies ein positives Signal, weil es auf Reife und Stabilität hinweist. Die Einhaltung der Spielregeln ist damit auch ein Eintrittsticket in die Welt grösserer Finanzierungen.


Kulturelle Dimension

Das Spiel hat aber auch eine kulturelle Dimension. In der Schweiz ist die Aktiengesellschaft seit Jahrzehnten die klassische Form für grössere Unternehmen. Wer als Startup auf diese Rechtsform setzt, reiht sich bewusst in eine Tradition ein, die von Banken, Industriekonzernen und börsenkotierten Gesellschaften geprägt wurde. Damit geht eine gewisse Erwartungshaltung einher: Seriosität, Berechenbarkeit und klare Strukturen. Das heisst nicht, dass die Dynamik von Startups verloren geht. Es bedeutet vielmehr, dass sie in einen institutionellen Rahmen eingebettet wird, der von den relevanten Akteuren verstanden und akzeptiert wird.


Regeln und Strategie

Die Metapher des Spiels verweist schliesslich auch auf die Balance zwischen Regeln und Strategie. Wie in jedem Spiel genügt es nicht, die Regeln zu kennen, man muss auch wissen, wie man sie zu seinem Vorteil nutzt. In der Aktiengesellschaft bedeutet dies, die Gestaltungsmöglichkeiten zu verstehen, die etwa in der Ausgestaltung von Statuten, in Aktionärsbindungsverträgen oder in der Zusammensetzung des Verwaltungsrats liegen. Wer hier vorausschauend plant, verschafft sich strategische Spielräume, ohne die Regeln zu verletzen. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen formeller Ordnung und unternehmerischer Freiheit, das den Kern des Spiels ausmacht.


Schlussgedanke

Im Schweizer Startup-Umfeld ist das Spiel der Aktiengesellschaft ein stehender Ausdruck für die Fähigkeit, den institutionellen Rahmen einer etablierten Rechtsform mit der Dynamik junger Unternehmen zu verbinden. Es bezeichnet weniger ein optionales Verhalten als vielmehr eine Voraussetzung dafür, ernst genommen zu werden. Wer das Spiel nicht mitspielt, riskiert den Verlust von Vertrauen, Finanzierungsmöglichkeiten und Marktzugang. Wer es hingegen beherrscht, eröffnet sich den Zugang zu einem Netzwerk von Investoren, Partnern und Behörden, die auf klare Strukturen bauen. Das Spiel der Aktiengesellschaft beschreibt somit den Moment, in dem ein junges Unternehmen den Schritt in eine formal geregelte, institutionell eingebettete Welt vollzieht und sich damit die Basis für nachhaltiges Wachstum schafft.



 
 
 

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