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Wie viel darf eine Finanzierungsrunde kosten?

  • Tobias Fuchs
  • Feb 18
  • 4 min read

Eine erfolgreiche Finanzierungsrunde wird in der Regel an der Bewertung, den Investorennamen und dem Volumen gemessen. Deutlich seltener steht eine andere Kennzahl im Fokus: Wie viel von diesem Kapital kommt effektiv im Unternehmen an? Zwischen Bruttobetrag und den sogenannten Net Proceeds liegt ein Kostenblock, der gerade in der frühen Phase überproportional ins Gewicht fällt.


Im Schweizer Startup-Ökosystem zeigt sich immer wieder ein ähnliches Bild: Kleine Tickets werden mit Strukturen abgewickelt, die eher an grössere Venture-Capital-Transaktionen erinnern. Die Folge sind Rechtskosten, Notariatsgebühren, Abgaben und teilweise Vermittlungsprovisionen, die in keinem gesunden Verhältnis zum investierten Kapital stehen. Die Frage lautet deshalb nicht nur, was eine Runde kostet, sondern was sie kosten darf.



Die Ökonomie kleiner Tickets


Die Relationen werden besonders deutlich bei frühen Runden im Umfang von 200'000 CHF. Wenn für eine solche Finanzierung 20'000 bis 30'000 CHF für anwaltliche Begleitung, Vertragsentwürfe und Verhandlungen anfallen, entspricht das zehn bis fünfzehn Prozent des aufgenommenen Kapitals. Diese Quote ist aus ökonomischer Sicht problematisch.


In der Venture-Capital-Literatur wird immer wieder betont, dass Transaktionskosten die Rendite unmittelbar beeinflussen. Ein prominentes Referenzwerk ist „Venture Deals“ von Brad Feld und Jason Mendelson. Dort wird zwar keine starre Prozentgrenze definiert, jedoch klar herausgearbeitet, dass unkontrollierte Transaction Costs die Ökonomie früher Runden untergraben können. Insbesondere bei kleinen Volumina können fixe juristische Kosten die Relation zwischen eingesetztem Kapital und verwertbarem Wachstumskapital verzerren.


Die implizite Branchenlogik lässt sich einfach herleiten: Wenn ein Startup 200'000 CHF aufnimmt und 30'000 CHF für Strukturierung und Abwicklung aufwendet, stehen effektiv nur 170'000 CHF für Produktentwicklung, Personal und Markteintritt zur Verfügung. Die Verwässerung erfolgt jedoch auf Basis der vollen 200'000 CHF. Dieser Effekt wird im angelsächsischen Raum treffend als „Dilution without Value“ beschrieben.



Die 5-Prozent-Hürde als Orientierungsrahmen


In der Praxis hat sich international ein informeller Korridor etabliert, wonach die gesamten Transaktionskosten idealerweise zwischen zwei und maximal fünf Prozent des Rundenvolumens liegen sollten. Diese Grössenordnung ergibt sich nicht aus einer gesetzlichen Vorgabe, sondern aus Marktmechanismen:

  • Cost Caps: Solche Grössen spiegeln sich oft in „Cost Caps“ wider, die in Term Sheets professioneller Investoren vorgesehen sind.

  • Kapitalmarktvergleich: Der Vergleich mit anderen Transaktionen zeigt, dass selbst komplexe Börsengänge häufig in einem Korridor von vier bis sieben Prozent der Emissionserlöse liegen. Eine einfache Seed-Finanzierung sollte strukturell nicht teurer sein als ein IPO.


Entscheidend ist jedoch die Differenzierung. Nicht jede Runde hat eine Finder-Struktur, nicht jede Finanzierung unterliegt denselben Abgaben und nicht jede Transaktion erfordert aufwendige Sonderregelungen. Der Orientierungsrahmen ist daher kein Dogma, sondern ein Effizienzmassstab. Übersteigt die Gesamtkostenquote die fünf Prozent deutlich, ist dies ein Indikator für übermässige Komplexität oder eine unpassende Struktur.



Der „Cost Stack“ in der Schweiz


Im Schweizer Kontext setzt sich der Kostenblock typischerweise aus mehreren Komponenten zusammen, wobei Anwaltskosten nur einen Teil bilden:

  1. Emissionsabgaben: Bei Kapitalerhöhungen fällt unter Umständen eine Emissionsabgabe von einem Prozent auf das einbezahlte Eigenkapital an (abzüglich eines Freibetrags von einer Million CHF). Bei schnell wachsenden Startups kann diese Schwelle früh erreicht werden.

  2. Notariat & Handelsregister: Diese Kosten sind teilweise gesetzlich geregelt und nur begrenzt verhandelbar.

  3. Vermittlungsprovisionen: Finder oder Introducer erhalten häufig ein bis drei Prozent des vermittelten Kapitals. Gerade bei kleineren Runden kann dies die Gesamtkostenquote signifikant erhöhen.

  4. Rechts- und Beratungskosten: Dazu kommen die üblichen Kosten von Anwälten, Beratern und dergleichen.


Addiert man beispielsweise zwei Prozent Finder-Fee, ein Prozent Emissionsabgabe und rund ein Prozent für Notariat und Nebenkosten, sind bereits vier Prozent des Volumens gebunden, bevor überhaupt über anwaltliche Honorare gesprochen wurde. In einem solchen Szenario bleibt für die juristische Begleitung nur ein sehr begrenzter Spielraum, wenn die Gesamtkosten unter der 5-Prozent-Marke bleiben sollen.



Crowdfunding ist keine Ausnahme


Die Effizienzfrage stellt sich nicht nur bei klassischen Angel- oder VC-Runden. Auch beim Crowdinvesting zeigt sich ein ähnliches Muster: Plattformgebühren bewegen sich häufig zwischen zwei und zehn Prozent. Hinzu kommen Marketingaufwendungen für Kampagnenproduktion, Video und Kommunikation.


Zudem erfordern viele Crowdinvesting-Modelle eine rechtliche Pooling-Struktur, um die Vielzahl von Kleininvestoren zu bündeln. Diese Strukturen verursachen wiederum juristische und administrative Kosten. In der Summe sind Gesamtkostenquoten von zehn bis zwanzig Prozent keine Seltenheit. Ökonomisch betrachtet handelt es sich damit um sehr teures Eigenkapital.



Der Ruf nach Standardisierung


Ein zentraler Hebel zur Reduktion von Transaktionskosten liegt in der Standardisierung. Im Silicon Valley hat der Accelerator Y Combinator mit dem SAFE ein Instrument etabliert, das die Komplexität und damit die Rechtskosten bei kleinen Tickets drastisch senkt.


Im DACH-Raum existieren ebenfalls Initiativen für Musterverträge und Wandeldarlehen-Templates. Dennoch bleibt die Praxis fragmentiert: Kanzleien verwenden eigene Vertragswerke, Investoren bestehen auf individuellen Anpassungen und selbst kleine Tickets werden teilweise mit 40-seitigen Beteiligungsverträgen strukturiert. Aus ökonomischer Sicht ist das fragwürdig: Je früher die Phase, desto eher sollte die Struktur funktional und schlank sein. Komplexität erzeugt Beratungsstunden und Beratungsstunden sind teuer.



Effizienz als Standortfaktor


Für das Schweizer Startup-Ökosystem hat die Kosteneffizienz eine strukturelle Bedeutung. Hohe Transaktionskosten reduzieren den Runway und schrecken Business Angels ab, wenn sie sehen, dass ein erheblicher Teil ihres Investments in die Administration fliesst. Zudem führen hohe Kosten zu einer höheren Verwässerung in frühen Phasen und verschieben die Ownership-Strukturen verfrüht.


Die entscheidende Variable ist die Verhältnismässigkeit. Wenn die Kostenstruktur einer kleinen Runde derjenigen einer grossen Venture-Capital-Transaktion gleicht, ist dies kein Zeichen von Professionalität, sondern von struktureller Ineffizienz.



Schlussgedanke


Eine Finanzierungsrunde ist kein Selbstzweck; sie ist ein Instrument zur Beschaffung von Wachstumskapital. Jeder Franken, der in Transaktionskosten gebunden wird, fehlt bei Produkt, Markt und Team. Solange es keinen flächendeckenden Standard gibt, bleibt Effizienz eine individuelle Gestaltungsfrage. Die Mathematik ist jedoch eindeutig: Bei einem 200'000 CHF Investment sind 30'000 CHF Fixkosten kein Zeichen von Gründlichkeit, sondern ein Warnsignal. Ich habe grosse Lust einen Standarf für die Schweiz zu produzieren. Falls jemand das gleiche Bedürfnis hat, bitte melden!


Wieviel darf eine Finanzierungsrunde kosten?
Wieviel darf eine Finanzierungsrunde kosten?

 
 
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